offenen 
Brief lesen

Wahrnehmungs-
verengung

Dogmatismus beginnt nicht in der Politik, nicht in den Religionen, nicht in den Medien. In dem Moment, in dem der eigene innere Raum vom unablässigen Strom der Gedanken gefüllt ist, verliert sich die Fähigkeit, wirklich wahrzunehmen. An die Stelle von unmittelbarem Sehen tritt Deutung – und jede Deutung ist schon eine kleine Form von Ideologie.

Im Kern ist Dogmatismus nichts anderes als die Erstarrung einer Überzeugung. Eine Meinung, die sich verselbständigt hat und nun den Platz der Wahrnehmung einnimmt. Es ist das Bedürfnis nach Sicherheit, nach festen Bildern, nach einem Halt im Unüberschaubaren. Doch gerade dieses Bedürfnis wird zur Quelle von Trennung. Was nicht in das vertraute Raster passt, wird abgelehnt, bekämpft oder ausgeblendet.

Wie Überzeugungen sich verselbständigen.

Diese Bewegung – das Festhalten am Gedachten, anstatt sich dem Lebendigen zu öffnen – geschieht unbemerkt in jedem von uns. Sie zeigt sich, wenn wir andere verurteilen, ohne sie wirklich verstanden zu haben. Wenn wir Nachrichten nur noch lesen, um das bestätigt zu finden, was wir ohnehin glauben. Wenn wir in Diskussionen nicht zuhören, sondern auf unsere Gelegenheit warten, recht zu behalten. So wird die Welt Schritt für Schritt enger, obwohl sie in Wirklichkeit grenzenlos wäre.

Die großen ideologischen Konflikte unserer Zeit – ob sie um Nationen, Religionen, Klima, Technologie oder Identität kreisen – sind die kollektive Verlängerung dieses inneren Mechanismus.

Was im Einzelnen als Gewohnheit beginnt, verfestigt sich in Gemeinschaften, Institutionen, Staaten. Aus der Angst, sich im offenen Raum zu verlieren, entstehen Systeme, die die Welt einfrieren – in richtige und falsche Meinungen, Freund und Feind, Gläubige und Ungläubige.

Die Rückkehr zum offenen Blick.​

Die globalen Krisen, die wir erleben, sind darum nicht nur Krisen der Machtverhältnisse oder der Ressourcen, sondern eine Krise des inneren Bezugs zur Wirklichkeit. Wir leben in einer Zeit, in der alles gleichzeitig sichtbar geworden ist – und in der die alten Gewissheiten bröckeln. Das erzeugt Druck, Orientierungslosigkeit und eine neue Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten. Doch je stärker dieser Druck wächst, desto dringlicher wird das Gegenteil: das Wiederfinden des offenen Blicks, der keine Meinung verteidigt, sondern wirklich sieht. Dogmatismus löst sich nicht durch Aufklärung allein, sondern durch innere Klärung.

Es braucht die Bereitschaft und den Willen, im eigenen mentalen Raum ‚aufzuräumen‘. Das ist keine moralische Übung, sondern eine praktische: die Fähigkeit, sich nicht mit den eigenen Gedanken zu identifizieren.

Wo Wahrnehmung zu Kulturpraxis wird.

Vielleicht beginnt genau hier eine neue Form von Weltverantwortung – nicht als ideologischer Kampf, sondern als alltägliche Pflege der Wahrnehmung. Wer seine eigenen Gedankenmuster durchschaut, entzieht sich der Logik der Spaltung. Er wird unbestechlich – nicht durch Überzeugung, sondern durch Klarheit.

Und diese Klarheit, unscheinbar im Alltag geübt, ist vielleicht das Gegenteil von Ideologie: Sie ist die Rückkehr in eine Wirklichkeit, die niemandem gehört, aber allen offensteht.

Genau das ist der Ansatz den wir mit Kultur leben anstoßen möchten: eine Kulturpraxis, die nicht von Meinungen ausgeht, sondern vom wiedergewonnenen Blick. Eine Praxis, die nicht noch mehr Deutungen produziert, sondern Räume schafft, in denen Menschen miteinander in Kontakt kommen, ohne sich vorher auf Positionen festlegen zu müssen.

Der offene Brief,

mit dem wir an Interessierte und Entscheidungsträger herantreten, knüpft genau daran an. Er zeigt nicht nur das verbreitete Missverständnis beim Verwenden der Begriffe wie Kunst und Kultur auf, sondern auch, weshalb das Thema ‚Wahrnehmung‘ – im Einzelnen wie im Gemeinsamen – zu einer öffentlichen Aufgabe geworden ist.

Wir von Kultur leben verstehen Kultur nicht als Dekoration oder Eventproduktion, sondern als tägliche Arbeit an der Wahrnehmung: am Wiederentdecken dessen, was uns Menschen verbindet, bevor Meinungen uns trennen.