Nicht weil es verschwindet – sondern weil es zur Seite tritt, um Raum zu lassen für etwas, das größer ist als Plan, Technik oder Wille. Im Jazz zeigt sich das exemplarisch:
Da ist keine vorgegebene Form, kein festes Ziel – sondern ein gemeinsames Lauschen, ein Aufeinandereingehen in Echtzeit. Wer sich selbst zu wichtig nimmt, stört. Wer loslässt, beginnt zu hören. Und in diesem Hören entsteht etwas, das niemand allein erschaffen könnte. Diese Qualität ist nicht nur im Jazz erfahrbar.
Sie zeigt sich in der Malerei, wenn die Hand der inneren Wahrnehmung folgt, in der Sprache, wenn sie nicht beeindrucken will, sondern berührt, im Tanz, wenn Bewegung nicht „gemacht“, sondern gefunden wird. All das setzt etwas Voraus: Dass wir bereit sind, unsere gewohnten Filter, Urteile, Erwartungen loszulassen.
Es geht darum, den Strom unserer Gedanken und Empfindungen nicht festzuhalten, sondern einfach so zu erleben, wie er ist, und die festen Grenzen unseres Ichs weicher werden zu lassen – nicht, weil wir etwas verlieren, sondern weil wir Vertrauen entwickeln.
Diese Erfahrung ist keine Randerscheinung – sie ist grundlegend. Denn nur wer das Bewegliche, das Offene, das Nicht-Fixierte in sich selbst erlebt hat, kann Kultur nicht länger als etwas Starres, Bewahrendes oder „Traditionelles“ betrachten.
Und wie unser Nervensystem sich ständig an neue Reize anpasst, so muss auch Kultur in der Lage sein, lebendig zu reagieren auf das, was geschieht. Nicht als bloße Reaktion, sondern als spürender Widerhall – als Resonanz auf das, was war, ist und werden will. Erlebte Kunst – die nicht aus dem Ich, sondern durch es hindurch entsteht – vermittelt genau diese Fähigkeit:
Nicht festzuhalten, sondern sich berühren zu lassen, ohne unterzugehen. Nicht zu urteilen, sondern zu bezeugen, was gerade wirklich ist. Nicht zu belehren, sondern anwesend zu sein, mit wachem Sinn und offenem Herz.
In dieser Haltung kann sich Kultur wandeln. Sie wird nicht länger zur Folklore, zur Verpackung, zum Prestigeprojekt – sondern zu einem gemeinsamen Raum der Gegenwart, in dem Menschen sich selbst, einander und die Welt immer wieder neu wahrnehmen lernen.
Die Verhältnisse stellen heute völlig andere Anforderungen an Kultur als noch vor wenigen Jahrzehnten.
Wenn man die aktuellen Umbrüche ernst nimmt – politische Verschiebungen, digitale Dominanz, der Verlust alter Gewissheiten, das Aufkommen multipler Weltbilder – dann verdichtet sich das Ganze zu einigen klaren Erwartungen an Kultur.
Diese haben nichts mit „Unterhaltung“ zu tun, sondern mit Orientierung, Deutung und innerer Stabilität.
Ansätze dafür – nüchtern, alltagstauglich und ohne religiöse Mythen – findet man unter anderem bei Prof. Thomas Metzinger im Buch Bewusstseinskultur.