Wer Kultur auf Veranstaltungen oder Kunstpräsentation reduziert, verhindert Orientierung.

Offener Brief an Kulturengagierte, Medienmitarbeiter:innen und Politiker:innen

Sehr geehrte Damen und Herren,

Kultur war einmal das Wort für das, was uns verbindet – für die Art, wie wir miteinander leben, denken, uns erinnern und lernen, wie wir Zukunft gestalten. Wer heute „Kultur“ sagt, meint meist „Kunst“. So hat sich mit der Zeit ein gemeinschaftlicher Begriff verwandelt.

Diese Verschiebung ist keine Kleinigkeit. Sie hat dazu geführt, dass das Verständnis von Kultur als sozialem und geistigem Miteinander – also als Fähigkeit, Konflikte zu verhandeln und Zukunft gemeinsam zu gestalten – zunehmend in den Hintergrund gerückt ist.

Die Folgen davon sind auch in Freiburg sichtbar. Die Vielfalt der Inszenierungen kann nicht darüber hinwegtäuschen: Gemeinsinn schwindet, Vertrauen bröckelt, das Publikum fragmentiert. Was früher verbindend wirkte, zerfällt heute in Szenen, Subgenres und Zielgruppen. Im Kampf um Aufmerksamkeit und Besucher steigen Technik- und Produktionskosten, Eintrittspreise ebenso. Wer da nicht mithalten kann, wird ausgegrenzt. Das eigentliche Ziel – das Miteinander zu stärken – wird an den Rand gedrängt.

Das Fernbleiben vieler Bürgerinnen und Bürger von den offiziellen Angeboten ist kein Zeichen von Gleichgültigkeit, sondern eine stille Antwort: Diese Form von Kultur erreicht ihr Leben nicht mehr.

Künstler und Kulturarbeiter spielen in diesem Prozess eine wichtige Rolle – nicht als Repräsentanten einer Nische, sondern als Begleiter einer gemeinsamen Suche:
Wie lässt sich das Kulturelle wieder sichtbar machen?

  1. Begriffe klären und konsequent anwenden. Kultur meint das soziale und geistige Miteinander – Kunst ist ein Teil davon, aber nicht das Ganze.
  2. Förderstrukturen danach ausbalancieren. Es braucht keine höheren Mittel, sondern eine gerechtere Verteilung: Kulturarbeit, Bildung, Nachbarschaftsinitiativen und zivilgesellschaftliche Projekte müssen gleichberechtigt neben der Kunstförderung stehen.
  3. Langfristige Förderung statt Projektlogik. Orte, an denen Dialog, Begegnung und Teilhabe möglich sind, brauchen Planungssicherheit.
  4. Förderkriterien erweitern. Originalität, Qualität, Gemeinsinn, Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Relevanz sollten gleichwertig berücksichtigt werden.
  5. Beteiligung stärken. Entscheidungen über Kulturmittel sollten transparent und gemeinsam mit Vertretern der Stadtgesellschaft getroffen werden.

Dies ist kein Appell gegen Popularität oder künstlerische Freiheit, sondern ein Aufruf zu Balance und Weitsicht.

Damit Kunst ihr volles Potenzial entfalten kann, braucht sie ein Umfeld, das auf Begegnung, Vertrauen und Teilhabe gründet – eine Kulturpolitik, die das Gemeinsame stärkt, nicht nur das Sichtbare.

Politik, Medien, Institutionen und Kulturschaffende sind aufgerufen, diesen Wandel aktiv mitzugestalten. Setzen Sie ein Zeichen für eine verbindende Kultur, die Menschen zusammenführt statt sie zu trennen.

Kultur ist kein Luxus – sie ist Überlebenskunst.

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